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Klatsche

Meraner Mücken

Die SVP Meran läuft Sturm gegen Bürgermeister Paul Rösch. Wegen eines salto-Artikels. Indes bringt sich ein anderer Paul in der Passerstadt in Stellung.
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Wenn um 23.14 Uhr eine Einladung zur Medienkonferenz für den nächsten Tag eintrudelt, muss es etwas Dringendes sein. Wenn die Einladung auch noch im Auftrag eines politischen Schwergewichts verschickt wird, dann muss die Angelegenheit nicht nur dringend sein. Sondern akut. Was aber hat die Meraner SVP aufgeschreckt? Und welche Rolle spielt salto.bz dabei? Und: Mischt bald ein zweiter Paul in Meran mit – und die SVP auf?

 

Wer, wenn nicht die SVP?

“Leider sehr kurzfristig lädt die SVP Meran zu einer Medienkonferenz. Themen sind die wichtigen, Meran betreffenden Punkte (Agenda ‘Meran’) der heute parteiintern verabschiedeten Regierungsvereinbarung zwischen Südtiroler Volkspartei und Lega Alto Adige-Südtirol – sowie die jüngsten diesbezüglichen Äußerungen des Meraner Bürgermeisters.”
Mit diesen Zeilen werden die Medienvertreter Montag Nacht für Dienstag Nachmittag in die Meraner Sparkassenstraße geladen. Im Parteisitz der SVP erwarten Stadtkomiteeobmann Andreas Zanier sowie die Stadträte Gabi Strohmer und Stefan Frötscher die Medien. Und Karl Zeller.

“Ich bin lange still gewesen. Jetzt aber ist mir der Kragen geplatzt.” Tonfall und Wortwahl lassen erahnen: Karl Zeller hat Paul Rösch schon länger im Visier. Und nur auf eine Gelegenheit gewartet, um seinen Ärger loszuwerden. Die hat sich dem ehemaligen SVP-Bezirksobmann und Ex-Senator aus Meran jetzt geboten. Doch es geht um mehr als angekratzte persönliche und politische Befindlichkeiten. Die Geschichte hat viel höhere Wellen des Unmuts geschlagen als mancher Meraner SVP-Grande zu fürchten gewagt hätte. Und zwar in der Partei selbst.
Deshalb haut Zeller, flankiert vom Stadtkomiteeobmann und den zwei Stadträten seiner Partei, ordentlich auf den Tisch. “Das ist verrückt!”, poltert der Altsenator.

Stefan Frötscher, Andreas Zanier, Karl Zeller, Gabi Strohmer
Im Visier: vor allem Karl Zeller (3.v.l.) bläst zur Attacke gegen Paul Rösch, flankiert von Stefan Frötscher, Andreas Zanier und Gabi Strohmer (Foto: salto.bz)

Eine Dreiviertelstunde dauert das Treffen mit den zahlreich erschienenen Medienvertretern. Stein des Anstoßes: Die Aussagen des Meraner Bürgermeisters zum Regierungsabkommen zwischen SVP und Lega auf salto.bz. Paul Rösch wolle die Vorhaben, die die künftige Landesregierung zu Meran ins Abkommen aufgenommen hat, sich selbst und seiner Liste bzw. den Grünen zuschreiben, so die Kritik aus der Meraner SVP. Von “vernichtenden, verstörenden Aussagen”, von einer “Frechheit”, von “Schwachsinn” ist am Dienstag Nachmittag die Rede. “Ein vorgezogener Faschingsscherz!”, winkt Zeller ab.

Nord-West-Umfahrung, Kasernenareal, Alperia-Sitz, Mobilitätszentrum, Pferderennplatz, Trauttmansdorff – allesamt Projekte, die auf Wirken der SVP und zum Teil vor Röschs Zeiten als Bürgermeister initiiert und voran bzw. am Ende ins Koalitionspapier gebracht worden seien, wollen Zeller & Co. klar gestellt wissen. “Wir haben viel Zeit investiert, um das Beste für Meran herauszuholen – und das, obwohl unser großes Bauchweh  mit der Lega bekannt ist. In der Partei waren wir in der Minderheit, aber wir haben den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sondern aktiv mitgearbeitet”, erklärt Zanier. Vor allem Karl Zeller und der ehemalige Burggräfler SVP-Bezirksobmann Zeno Christanell haben während der Regierungsgespräche ihr Verhandlungsgeschick unter Beweis gestellt. Ihnen sei es zu verdanken, dass “viele Punkte, die Meran am Herzen liegen” in das Abkommen aufgenommen worden seien – und nicht Paul Rösch, meint Zanier stirnrunzelnd. “Immer wird der SVP vorgeworfen, im Wahlkampf zu sein. Den Ball spielen wir an den Bürgermeister zurück!”

 

Wer schießt schneller?

Dabei spricht Rösch im entsprechenden salto-Artikel kein einziges Mal in der Ich-Form. Noch erwähnt er seine Liste Rösch oder die Grünen. Er spricht von “wir”, von “uns”. Dass er damit sein Lager meint, ist eine Lesart. Eine andere ist, dass Rösch die Regierungsmehrheit meint, der er seit 2015 als Bürgermeister vorsteht und der neben Liste Rösch/Grüne auch die SVP, PD und Alleanza per Merano angehören.

Doch davon will man in der SVP Meran nichts hören. Röschs “Schnellschuss ist leicht zu entlarven”, ist Zeller überzeugt: Der Meraner Bürgermeister hat sich an salto.bz gewandt, um sich mit fremden Federn zu schmücken: Jenen der SVP.
So die Version, die die vier SVP-Vertreter wortreich und zum Teil lautstark kundtun. “In Sachen Kommunikation können wir noch viel von ihm lernen”, bleibt das einzige Kompliment für Rösch an diesem Nachmittag.

Dass sich das Ganze auch etwas anders zugetragen haben könnte, mag man sich in der SVP nicht vorstellen wollen. Allerdings scheint man Paul Rösch über- und die Arbeit eines kleinen Online-Mediums unterschätzt zu haben.

 

Show gestohlen?

Um 16.12 Uhr meldet sich Paul Rösch am Montag Nachmittag bei salto.bz. Allerdings nicht aus Eigeninitiative. Sondern weil er von der Redaktion bereits mehrmals um eine Stellungnahme zum soeben publik gewordenen Regierungsabkommen SVP-Lega gebeten worden ist. Der Grund für das Interesse an einem Kommentar des Meraner Bürgermeisters: Der salto-Redaktion ist nicht verborgen geblieben, dass die Passerstadt auf den 58 Seiten des Abkommens gar einige Male mit diversen Projekten erwähnt wird, zu deren Umsetzung die Landesregierung zusagt, beitragen zu wollen. Weil auch Hans Heiss in seiner Blitzanalyse eine “bemerkenswerte Obsorge für Meran”, das “mit einem Maßnahmenpaket wieder in SVP-Hand zurückgeführt werden soll” – so die Vermutung des langjährigen Grünen Landtagsabgeordneten – ausmacht, beschließt die salto-Redaktion am Montag Mittag, Paul Rösch zu kontaktieren.

Der Bürgermeister vertröstet die Anfragen, verspricht aber, zurückzurufen. Er hält sein Wort auf Rückruf – durchaus keine Selbstverständlichkeit unter Politikern – und meldet sich um 16.12 Uhr aus seinem Büro. Zehn Minuten dauert das Gespräch. Auszüge davon erscheinen um 17 Uhr in besagtem Artikel auf salto.bz.

Paul Rösch

Angstgegner? die Reaktion der SVP ist ein Hinweis darauf, dass sie Paul Rösch als ernst zu nehmenden Gegner bei den Gemeindewahlen 2020 einschätzt (Foto: Stadtgemeinde Meran)

Vor diesem Hintergrund verpufft der Verdacht der SVP, Paul Rösch habe aus Berechnung die salto-Redaktion kontaktiert, um – um es mit Karl Zeller zu sagen – “seine Duftmarke dorthin zu setzen, wo sie nicht hingehört”. Dass es dem Meraner Bürgermeister ermöglicht wurde, zum SVP-Lega-Abkommen Stellung zu nehmen bevor es die SVP Meran selbst als großen Wurf für ihre Stadt hat präsentieren können, kommt nicht gut an.

 

Aus der Traum?

Der weniger offensichtlichere Grund dafür, dass die paar Zeilen aus dem Mund von Paul Rösch die Meraner SVP derart in Rage versetzt haben und dass mit Frötscher und Strohmer auch die beiden SVP-Stadträte erstmals gemeinsam und offen gegen den Bürgermeister auftreten, liegt woanders: Durch den salto-Artikel werden nämlich die Parteigenossen in anderen Städten und Bezirken aufgeschreckt. Röschs Reaktion erscheint exakt eine Stunde bevor in Nals Parteiausschuss, Bürgermeister und Ortsobleute der SVP zusammentreten, um über das Regierungsabkommen abzustimmen. Es gibt großen Protest – dagegen, dass Meran offenbar “gut weg kommt”, wie Zanier berichtet. Vor allem aus Brixen und dem Pustertal rührt sich heftiger Widerstand. Dieser führt so weit, dass laut die Forderung vorgebracht wird, einige Punkte aus dem Abkommen zu streichen. Wie etwa das Sport-Kompetenzzentrum.

Der große Einsatz der Meraner Verhandler – zunichte gemacht. Von einem Bürgermeister und einem Online-Medium. Hätte Paul Rösch nichts gesagt, hätte salto.bz nicht nachgehakt, die Meraner Pläne hätten die parteiinterne Abstimmung wohl schadlos überstanden. Die SVP Meran hätte sie mit Triumphgeheul zu Hause präsentieren können. “Rösch hat uns die Verhandlungen in Nals nicht gerade erleichtert”, schimpft Zanier. “Er hat der Stadt geschadet”, meint Zeller dramatisch. Schaden davon getragen hat wohl aber vielmehr der Plan, sich nach der Abstimmung in Nals als die großen Macher in Meran gegen den Bürgermeister zu positionieren, dem man Untätigkeit, Stillstand vorwirft. “Anstatt zu träumen sollte er sich angewöhnen zu arbeiten”, schürt Zeller noch einen Scheit gegen Rösch nach.

 

Kommt Paul im Doppelpack?

Nicht-Wahlkampf hört sich anders an. Die SVP wetzt die Messer, die Mission Rückeroberung des Bürgermeistersessels dürfte nun offiziell eingeläutet sein. Das rhetorisch scharfe Geschütz soll Paul Rösch aus der Reserve locken. Anders ist es kaum zu erklären, dass die SVP aus einer Sache, die eine Mücke hätte bleiben können, einen solchen Elefanten macht. Ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Aber nein, die Stadtregierung wolle man jetzt nicht platzen lassen, beteuern die vier SVPler am Dienstag Nachmittag. “Das hat zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn”, sagt Karl Zeller frei heraus. “In einem Jahr sind Wahlen. Und wir werden Rösch bis 2020 schubsen. Wenn er das tut, was wir wollen, wird er wiedergewählt.” Es ist eine offene Kampfansage. Ausgelöst von einer Mücke.

Mücken mögen klein sein. Aber sie sind lästig. Und sie können irgendwann nervös machen. Die Nervosität in der Meraner SVP ist spürbar. Und sie könnte von einem zweiten Paul noch verstärkt werden. In Meran ist es inzwischen stadtbekannt, dass sich Paul Köllensperger mit seinem Team auf die Suche nach Kandidaten für die Gemeinderatswahlen 2020 begeben hat. Dabei fischt er auch im SVP-Becken. “Das war klar”, meint Karl Zeller achselzuckend.

SVP in Nals 2019

Aufbegehren gegen Meran: in Nals kam es am Montag zu unerwarteten Protesten gegen die Passerstadt (Foto: SVP Mediendienst)

Möglich ist, dass Köllensperger Rösch als Bürgermeisterkandidaten unterstützt. “Offiziell ist für Meran noch nichts beschlossen”, sagt Paul Köllensperger auf Nachfrage von salto.bz am Dienstag. Er verheimlicht aber nicht: “Mit meinem Namenskollegen eint mich viel mehr als der Name. Wir sind politisch kompatibel und verstehen uns gut. Und ich werde sicher gerne mit ihm reden.”

Für Karl Zeller dürfte es ein Horrorszenario sein: Jene zwei Pauls, die ihm politisch gesehen ein großer Dorn im Auge sind, vereint, gegen seine SVP. In seinem Meran, wo er schon 2015 mit Gerhard Gruber auf das falsche Pferd als SVP-Spitzenkandidaten gesetzt hat. Gruber ist inzwischen sogar als Gemeinderat zurückgetreten. Zeller aber will auf die Gewinnerseite zurück. “Selbstverständlich” wolle die SVP das Bürgermeisteramt zurückerobern, meint er. “Keine Partei tritt an, um zu verlieren.” Dass er selbst 2020 als SVP-Bürgermeisterkandidat in seiner Heimatstadt kandidieren wird, schließt der 57-Jährige aus. Trotzdem oder besser gerade deshalb darf man sicher sein: Er wird in den kommenden Monaten noch öfters mit der Klatsche ausholen.

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Kommentare

Bild des Benutzers kurt duschek

...es öffnen sich bemerkens- und begrüßenswerte Varianten in Meran!

+1-11
Bild des Benutzers Johannes Kofler

Die SVP und die Liste Rösch arbeiten in einer Koalition zusammen für das Wohl der Stadt und ihrer Bürger/innen. Warum freuen sie sich nicht zusammen über Erfolge? Warum streitet man kleinlich darüber, wessen Erfolg das nun ist? Ich finde, die SVP verhält sich unklug. Solche Polemiken nützen niemandem, sie schaden nur dem Image der Politik. Als Meraner Bürger habe ich dafür wenig Verständnis.

+1-12
Bild des Benutzers kurt duschek

.....ich verstehe sehr gut Ihr Argument, das ich auch teile. Hier geht es allerdings um "Machtverlust und Machterhalt". Der Wahlkampf in Meran ist bereits voll entbrannt, hoffentlich zum Wohle der Bürger in Meran.

+1-11
Bild des Benutzers Markus Lobis

Hu, da liegen die Nerven blank. Wird sehr spannend, im nächsten Jahr in Meran ...

+1-11
Bild des Benutzers Servus Leute

das ist aber ein netter Koalitionspartner. Da ist mir ein ehrlicher, anständiger Feind lieber.

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